Lumpenschmuggel, Mangelware und Reißereien: Die Geschichte der Kleidersammlung

Buch

Mittelalter: Lumpenschmuggel streng verboten

Ende des 14. Jahrhunderts eröffnete die erste Papiermühle in Deutschland. Der einzige Rohstoff aus dem damals Papier hergestellt wurde – und das sogar bis weit ins 19. Jahrhundert hinein – waren Altkleider. Um die Heranschaffung dieser sogenannten Lumpen entwickelten sich ganze Berufszweige von Lumpenhändlern und Lumpensammlern. Letztere zogen von Tür zu Tür und erwarben von privaten Haushalten und verschiedenen Betrieben zerschlissene Kleidung, Leintücher oder nicht mehr zu gebrauchende Seile. 

Mit der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts wurde schlagartig viel mehr Papier benötigt, was führte dazu, dass in einigen Städten das „Lumpenschmuggeln“ sogar unter Strafe gestellt und zweitweise die Ausfuhr ganz verboten wurde. Damals gab es zum einen natürlich viel weniger alte Kleidung, zum anderen wurden die einzelnen Stücke immer weitervererbt und wortwörtlich bis zum Verschleiß getragen.

Zweiter Weltkrieg: Kleidung als Mangelware

Den Höhepunkt der Rohstoffknappheit erfuhr Deutschland allerdings dann während des Zweiten Weltkrieges. Damals wurden in Reißereien auch die Grundrohstoffe für neue Kleidung produziert, sprich: Aus Fasern alter Kleidungsstücke wurden neue Kleidung genäht. Auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges herrschte akuter Kleidermangel in Deutschland und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die westlichen Alliierten gebrauchte Textilien nach Deutschland einführten. Bis in die 1950er Jahre hinein blieb die Rohstoffgewinnung das Hauptgeschäft der Reißereien und Sortierbetriebe. Doch dann änderte sich die Situation: Statt Mangel begann die Zeit des Überflusses. Mit dem Wirtschaftsboom sanken die Weltmarktpreise für die Rohstoffe und gleichzeitig stiegen die Arbeitslöhne – durch die Kombination dieser beiden Faktoren mussten damals viele Betriebe schließen.

Status Quo: Kleidersammlung in Deutschland

Durch den allgemein angestiegenen Wohlstand in der Bevölkerung fanden immer mehr tragbare Kleidungsstücke ihren Weg in die Sortierbetriebe und so begannen die Betriebe neben den Rohstoffen auch die gebrauchte Kleidung zu vermarkten. So ist es bis heute geblieben und die Menge der ausrangierten Gebrauchtkleidung steigt kontinuierlich. Pro Jahr fallen derzeit allein in Deutschland 1,2 Millionen Tonnen gebrauchter Kleidung und gebrauchter Schuhe an. Ein Grund hierfür ist, dass es natürlich ein viel größeres Angebot an Kleidung gibt und sich die Menschen mehr leisten können. Nicht zuletzt durch die Trends, die sich viel schneller ändern als noch vor ein paar Jahrzehnten, hat die Kleidung dadurch eine vergleichsweise deutlich kürzere Lebensdauer und findet schnell ihr Lebensende beim ersten Käufer.

Zurück